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ADHS und Mikronährstoffe
ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitäts-Syndrom) ist inzwischen die
häufigste psychiatrische Störung im Kindes- und Jugendalter. Allein in den USA
ist die Zahl der als behandlungsbedürftig eingestuften Kinder von unter 1 Mio.
im Jahr 1995 auf über 10 Mio. im Jahr 2000 angestiegen. In Deutschland rechnet
man gegenwärtig mit etwa 170.000 – 350.000 behandlungsbedürftigen Kindern.
Es gibt inzwischen eine fast unüberschaubare Zahl von wissenschaftlichen
Publikationen zum Thema ADHS. Wo immer Wissenschaftler bisher im Gehirn von
ADHS-Patienten geforscht haben, sind sie auch fündig geworden, sei es mit
Verfahren der Neuroradiologie, Neurophysiologie und Neurochemie oder der
Genetik, Molekularbiologie, Psychologie etc. Jedes Fachgebiet liefert
spezifische Ergebnisse. Nach wie vor ist aber unklar, welche Veränderungen am
Anfang der Erkrankung vorhanden waren und welche erst später als Folge der
Erkrankung aufgetreten sind.
Das Amphetamin-Derivat Methylphenidat (Ritalin) ist das häufigste zur Behandlung
von ADHS eingesetzte Medikament. Die gängige Annahme ist, dass Methylphenidat
den Rücktransport von Dopamin in die präsynaptische Endigungen blockiert und
sich dieses dadurch im synaptischen Spalt anreichert. Bei Kindern mit ADHS wird
ein zu geringer Dopamin-Spiegel in bestimmten Hirnregionen vermutet, weil sich
mit Hilfe bildgebender Verfahren eine erhöhte Dichte an Dopamin-Transportern
nachweisen lässt.
Diese Dopaminmangel-Hypothese wird durchaus kontrovers diskutiert. Die
Befürworter dieser Hypothese sehen in der therapeutischen Wirksamkeit von
Methylphenidat den Beweis für ihre Richtigkeit.
Neueste tierexperimentelle Studien schließen nicht aus, dass ADS-Kinder, die mit
diesen Substanzen behandelt werden, Langzeiteffekte in ihren wachsenden Gehirnen
aufweisen könnten. So wurden im Dezember 2003 drei Studien in „Biological
Psychiatry“ publiziert.(1)
Der Direktor des „National Institute of Mental Health“ bemerkt u.a. in einem
Kommentar, dass diese drei Studien aufzeigen, wie wenig man noch über die
Effekte psychotroper Medikamente auf die Hirnentwicklung wisse.
Im August 2003 wurde in der Fachzeitung „Alternative Medicine Review“ eine
Studie des Mc Lean Hospital in Belmont/ Massachusetts veröffentlicht. In einer
Vergleichsuntersuchung erhielten 10 ADHS-Kinder Methylphenidat, weitere 10
Kinder erhielten ein Nahrungsergänzungsmittel, das aus Vitaminen,
Mineralstoffen, Aminosäuren, essentellen Fettsäuren, Phospholipiden und
Probiotika bestand. Nach Auswertung der neurophysiologischen und psychologischen
Tests erwies sich das Nahrungsergänzungsmittel als genauso effektiv in der
Behandlung der ADHS-Symptome wie Methylphenidat. (2)
Das Ergebnis dieser Studie ist nicht überraschend, weil in den letzten Jahren
viele neue Erkenntnisse über den Einfluss der Ernährung und der
Mikronährstoffversorgung auf den Hirnstoffwechsel bekannt wurden. So ist es
nachgewiesen, dass der Neurotransmitterstoffwechsel in hohem Maße von der
Verfügbarkeit einzelner Aminosäuren abhängt. Das Fettsäuremuster der Nahrung
wirkt sich nach einigen Wochen auf die Zusammensetzung der Nervenzellmembranen
aus.
Eine Verbesserung der Mikronährstoffversorgung des Gehirns durch Einnahme eines
Vitamin-/ Mineralstoffpräparates hatte einen günstigen Einfluss auf die
Lernfähigkeit, wie zwei amerikanische Studien aus dem Jahr 2002 gezeigt haben.
(3,4)
Bei ADHS-Patienten sind mehrfach Untersuchungen zur Mikronährstoffversorgung
durchgeführt worden; es gibt auch einige Veröffentlichungen über eine
erfolgreiche Therapie von ADHS mit Mikronährstoffen.
Spurenelemente und Mineralstoffe
Eine polnische Arbeitsgruppe konnte bei 116 ADHS-Kindern in 59 % der Fälle
verminderte Magnesiumkonzentrationen in den roten Blutkörperchen nachweisen, in
33,6 % der Fälle waren die Serum-Magnesium-Spiegel vermindert. In der Guppe der
Kinder, die 6 Monate lang Magnesium-Supplemente erhielten, kam es zu einer
deutlichen Verminderung der Hyperaktivität. (5,6)
In einer unkontrollierten israelischen Studie an 14 ADHS-Jungen zeigte eine
Eisensupplementierung eine Verbesserung der ADHS-Symptomatik. (7)
Eisen spielt eine wichtige Rolle bei der Bildung der Neurotransmitter Dopamin
und Serotonin und wird auch für die Synthese der Nervenscheiden benötigt.
In mehreren Untersuchungen wurden verminderte Zinkkonzentrationen bei
ADHS-Patienten gefunden. (8)
Zink ist an der Glutamat- und GABA-vermittelten Signalübertragung im Gehirn
beteiligt. Außerdem ist Zink ein wichtiger Cofaktor im Stoffwechsel der
Fettsäuren und Prostaglandine.
B-Vitamine
Insgesamt wurden nur wenige Studien über die Wirksamkeit von B-Vitaminen bei
ADHS publiziert. Derzeit kann davon ausgegangen werden, dass es keinen
ADHS-typischen Mangel an einzelnen B-Vitaminen gibt. Im Einzelfall kann aber
sicher die Supplementierung eines B-Vitamins notwendig und hilfreich sein;
besonders das Vitamin B6 spielt eine herausragende Rolle für die Bildung der
Neurotransmitter Serotonin, Dopamin, GABA und Glutamat.
Aminosäuren
Aminosäuren sind die Ausgangssubstanzen für die Bildung wichtiger
Neurotransmitter, z.B. Dopamin, Serotonin, Adrenalin, Noradrenalin, oder sie
haben im zentralen Nervensystems selbst Neurotransmitterfunktion, z.B.
Glutaminsäure und Glycin. Die Konzentrationen der Aminosäuren im Blutserum und
ihr Verhältnis zueinander haben einen wichtigen Einfluss darauf, wieviele der
erforderlichen Aminosäuren durch die Blut-Hirn-Schranke kommen. Beispielsweise
reicht schon eine tryptophanfreie Mahlzeit für die Verminderung der
Serotoninkonzentration im Gehirn und für eine entsprechende
Stimmungsverschlechterung.
In einer japanischen Studie von 1985 ergaben sich Hinweise auf eine Störung des
Tryptophan-Serotonin-Metabolismus bei ADHS-Kindern. (9)
1990 wurden von der Ohio State University bei ADHS-Kindern niedrigere
Plasmakonzentrationen von Phenylalanin, Tyrosin, Tryptophan, Histidin und
Isoleucin festgestellt als bei Kontrollpersonen. (10)
In einer kanadischen Studie, 1991 publiziert, wurden ebenfalls erniedrigte
Konzentrationen von Phenylalanin und Tyrosin bei ADHS-Patienten festgestellt.
(11)
2001 veröffentlichte eine Arbeitsgruppe aus Venezuela, dass bei ADHS-Patienten
im Vergleich zu einer Kontrollgruppe niedrigere Phenylalanin- und
Glutamin-Konzentrationen festgestellt wurden - bei erhöhten
Glycin-Konzentrationen. (12)
Die Universität von Kalifornien publizierte 1990 die Ergebnisse einer kleinen
Studie über die Supplementierung von S-Adenosyl-Methionin (SAM) bei erwachsenen
ADHS-Patienten. Bei 75 % der Studienteilnehmer wurde eine Besserung der
ADHS-Symptomatik festgestellt. SAM ist eine wichtige Substanz im
Neurotransmitterstoffwechsel und wird für die Synthese von Serotonin und
Adrenalin benötigt. (13)
Im Jahr 2002 wurde eine randomisierte Doppelblindstudie aus den Niederlanden
veröffentlicht. Eine Carnitin-Supplementierung führte zu einer signifikanten
Verbesserung der ADHS-Symptomatik bei Schülern. (14)
Fettsäuren
Vor über 20 Jahren wurde bereits die Vermutung geäußert, dass bei ADHS-Patienten
eine Störung des Stoffwechsels der Fettsäuren vorliegen könnte. Bei vielen
ADHS-Kindern wurde ein vermehrtes Durstgefühl und eine trockene Haut beobachtet.
Diese Symptome sind charakteristisch für einen Mangel an essentiellen
Fettsäuren.(15)
In den letzten Jahren wurden mehrfach erniedrigte Konzentrationen von
Omega-3-Fettsäuren bei ADHS-Kindern nachgewiesen. (16, 17)
Allerdings waren die gemessenen Konzentrationen nicht so niedrig, dass von
klinischen Mangelzuständen auszugehen war.
Derzeit ist noch nicht geklärt, inwieweit eine suboptimale Versorgung mit
Omega-3-Fettsäuren mit der ADHS-Symptomatik zusammenhängt. Sicher ist, dass DHA
und EPA eine wichtige Rolle bei der Hirnentwicklung spielen. Die Ergebnisse
einer Supplementierung bei ADHS-Kindern sind nicht einheitlich. In einer
amerikanischen Studie, die 2001 publiziert wurde, konnte durch eine viermonatige
Supplementierung von DHA keine Verbesserung der ADHS-Symptomatik erreicht
werden. (18)
In einer britischen Studie aus dem Jahr 2002 zeigte sich durch eine
Supplementierung der hoch ungesättigten Fettsäuren DHA, EPA und GLA eine
signifikante Verbesserung der ADHS-Symptomatik anhand der Testkriterien. (19)
Phospholipide wie Phosphatidylserin und Lecithin können bei Lernstörungen
hilfreich sein.
Fazit:
Aufgrund der vorhandenen Daten kann nicht davon ausgegangen werden, dass bei
ADHS-Patienten ein krankheitsspezifisches Muster an Mikronährstoffdefiziten
vorliegt. Vielmehr sollte im Einzelfall durch eine Labordiagnostik geprüft
werden, welche Mikronährstoffe fehlen. Aufgrund der Laborergebnisse ist dann
eine gezielte und individuelle Supplementierung möglich.
In einem ganzheitlichen Therapiekonzept kommen neben dem Ausgleich von
Mikronährstoffdefiziten selbstverständlich auch andere Therapieformen zum
Tragen, wie z.B. diätetische Maßnahmen, eine Entgiftung von Schwermetallen,
Xenobiotika und Infektrückständen. Wichtig kann auch eine Darmsanierung sein;
unbedingt erforderlich ist eine qualifizierte psychologische Betreuung.
Fallbeispiele:
Zum Schluss sollen noch drei Fallbeispiele aus der
HG Naturklinik Michelrieth vorgestellt werden.
Fall 1
13-jähriger Junge mit Diagnose: ADHS und Lese-Rechtschreib-Schwäche.
Der Junge konnte sich schlecht konzentrieren, klagte über Müdigkeit und
Lustlosigkeit. Dadurch traten Probleme in der Schule auf, es bestand die Gefahr,
die Klasse zu wiederholen.
Im Mikronährstoffprofil zeigten sich Mängel an Selen, Kupfer, Zink, Mangan,
Chrom, Vitamin B2 und C. Durch die regelmäßige Einnahme der fehlenden
Mikronährstoffe wurde der Junge deutlich konzentrierter in der Schule, die
Leistungen verbesserten sich bereits nach einigen Wochen. Er nahm die
Mikronährstoffe relativ konsequent ein. Wenn er sie wegließ, merkte er, dass er
wieder unkonzentrierter wurde und die Noten schlechter ausfielen.
Fall 2
11-jähriger Junge mit ADHS und Legasthenie
Es bestanden starke schulische Probleme, weshalb in der Grundschule die dritte
Klasse wiederholt werden musste. In der fünften Klasse traten erneut
Schwierigkeiten auf, erst dann wurde die Diagnose ADHS gestellt. Im
Mikronährstoffprofil waren die Aminosäuren sehr niedrig, vor allem Cystein und
Lysin sowie Glutamin, Alanin, Taurin und Valin. Außerdem waren Vitamin C, Selen,
Magnesium und Eisen defizitär. Nach dreimonatiger Einnahme der Mikronährstoffe
zeigte sich eine deutliche psychische Stabilisierung, erhöhte
Konzentrationsfähigkeit sowie eine Verbesserung der schulischen Leistungen. Auch
er bemerkte einen Leistungsabfall, wenn er einige Wochen die Mikronährstoffe
nicht einnahm. Bei der Kontrolluntersuchung hatten sich die
Aminosäurenkonzentrationen gebessert, ein Glutaminmangel war aber noch
nachweisbar.
Fall 3
11-jähriges Mädchen mit ADHS-Symptomatik
Es bestanden erhebliche Konzentrationsstörungen mit sehr wechselhaften
Schulleistungen; die Versetzung in die 6. Klasse war gefährdet. Im
Mikronährstoffprofil zeigte sich ein leichter Mangel an Magnesium, Zink und
Vitamin A. Neben den fehlenden Mikronährstoffen wurden auch Algenpräparate
verordnet, außerdem wurde bei dem Mädchen eine Toxinausleitung nach dem
BEST-System durchgeführt.
Nach zwei Monaten hatte sich der Zustand deutlich gebessert, das Mädchen konnte
in die 6. Klasse versetzt werden; die schulischen Leistungen verbesserten sich
erheblich. Sie nahm regelmäßig ein Mineralstoffpräparat ein. Der geplante Termin
beim Kinderpsychiater konnte deshalb abgesagt werden.
Die 7. Klasse wurde von ihr sehr gut bewältigt, es gab keine Probleme mehr.
aus "die Akzente" 2004 von Dr. med. Hans-Günter Kugler
und Dr. med. Anna-Maria Groß
www.diagnostisches-centrum.de
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